Nach einer fünfstündigen Zugfahrt kam ich in der Stadt Nikko an. Nach weiteren vier Kilometern zu Fuß erreichte ich mein Hotel, wo ich großes Glück hatte und schneller einchecken konnte als gedacht. Ich nutzte die Gelegenheit und wollte sofort zum Tempel Tōshō-gū laufen, um ihn zu besichtigen. Auf dem Weg dorthin machte ich zunächst einen unerwarteten Abstecher auf einem kleinen Friedhof.
Ein unscheinbarer Friedhof, der in meinen Augen jedoch eine besondere Bedeutung hat: Es handelt sich um die Gräber von 24 der wichtigsten Vasallen der Tokugawa-Familie aus der frühen Zeit des Tokugawa-Shogunats (1603–1867). Fünf der Gräber gehören Samurai-Vasallen des Herrschers Iemitsu, des dritten Tokugawa-Shoguns. Sie begingen rituellen Selbstmord, um ihm in die nächste Welt zu folgen.
Nach diesem ruhigen und eindrucksvollen Ort setzte ich meine Wanderung zum Nikkō Tōshō-gū fort. Ich hatte großes Glück: Ich war genau zur richtigen Zeit dort, als die drei tragbaren Schreine aus dem Tempel herausgetragen wurden.
Nicht lange nach meiner Ankunft erfüllte sich ein kleiner Traum: Ich konnte mir eines der Pilgerbücher besorgen – inklusive meines ersten Stempels. Ich wusste zwar noch nicht, wo sich all die anderen Tempel befanden, aber das war mir in diesem Moment egal. Ich hatte meinen ersten Stempel, und das allein machte mich glücklich. Vorsichtig verstaute ich das kleine Buch wie einen wertvollen Schatz in meinem Rucksack und ließ mir viel Zeit, alles in Ruhe zu erkunden. Es machte einfach Spaß. Doch am Abend folgte die Überraschung: Punkt 17 Uhr schloss plötzlich alles. Wirklich alles. Supermärkte, Restaurants, Straßen – wie ausgestorben. Kaum Autos, kaum Menschen. In diesem Moment fühlte sich Nikko ungewohnt leer und fast ein wenig unheimlich an. Schließlich fand ich genau ein einziges geöffnetes Lokal, in dem ich gut essen konnte, bevor ich zurück ins Hotel ging.
Die Prozession der 1000 Samurai gehört zu den bedeutendsten traditionellen Zeremonien in Nikko und ist Teil des Frühlingsfestivals am Toshogu-Schrein. Sie geht auf den Tod von Tokugawa Ieyasu,
dem Gründer des Tokugawa-Shogunats, im Jahr 1616 zurück. Sein letzter Wunsch war es, in Nikko als Schutzgott Japans verehrt zu werden. Die Prozession stellt symbolisch den feierlichen Geleitzug
seiner Seele dar. Über 1.000 Teilnehmer, gekleidet in historische Samurai-Rüstungen, begleiten drei tragbare Schreine (Mikoshi). Diese enthalten die verehrten Geister von:
- Tokugawa Ieyasu, dem göttlich verehrten Gründer des Tokugawa-Shogunats,
- Toyotomi Hideyoshi, einem bedeutenden Daimyō und Staatsmann, bekannt für die Vereinigung Japans im 16. Jahrhundert,
- Minamoto no Yoritomo, dem Gründer und ersten Shogun des Kamakura-Shogunats, einer zentralen Figur in Japans späterer feudaler Entwicklung.
Jeder Schrein wiegt etwa 800 Kilogramm und wird von zahlreichen Trägern gemeinsam bewegt; die ursprünglichen Schreine wogen sogar noch mehr.
Am nächsten Morgen war es so weit: Die Prozession der 1000 Samurai stand bevor. Um 6:15 Uhr klingelte der Wecker, Punkt 7 Uhr saß ich beim Frühstück – das ich in Rekordzeit verschlang. Ich wollte
früh los, um rechtzeitig da zu sein und mir einen guten Platz zu sichern.
Als ich ankam, stellte ich fest: Ich war tatsächlich eine der Ersten. Ich suchte mir einen passenden Platz und nutzte die Zeit, um noch einmal durch die Tempelanlagen zu gehen. Da noch einige
Stunden Zeit blieben, setzte ich mich auf den Boden, um Kraft für die Prozession zu sparen. Nach und nach trafen weitere Zuschauer ein – mit kleinen Stühlen, Matten und Decken. Ein älterer Herr
neben mir bot mir ohne ein Wort eine Tüte zum Draufsitzen an. Später teilte er Bonbons und Snacks mit mir. Ich wusste: Verhungern würde ich heute nicht.
Ein Mitarbeiter der Organisation kam vorbei und verteilte Informationsmaterial zur Prozession. Ich war wirklich begeistert – die Infos waren übersichtlich, hilfreich und offenbar speziell für
Besucher gedacht. Ein kurzer Austausch, ein gemeinsames Lachen, ein sehr schöner Moment.
Etwa eine halbe Stunde vor Beginn wurde es richtig voll. Die Atmosphäre war gelöst und fröhlich: Es wurde gegessen, getrunken und geteilt. Ich fühlte mich mittendrin – nicht als Zuschauerin,
sondern als Teil des Ganzen.
Über Lautsprecher wurde die Zeremonie auf Japanisch und Englisch erklärt. Zunächst wurde symbolisch ein Baum über den Weg gezogen – ein Ritual, um den Pfad für die Prozession zu reinigen. Etwa 15 Minuten später begann der Umzug. Mehr als 1.200 Beteiligte zogen vorbei – ein beeindruckendes Bild, dessen Dauer ich völlig aus dem Gefühl verlor.
Nachdem die Prozession an mir vorbeigezogen war, folgte ich ihr einfach weiter. Eine Entscheidung, die sich lohnte: So konnte ich auch die anschließenden Rituale zu Ehren der tragbaren Schreine miterleben. Besonders schön war ein Moment, in dem ich sogar ein Selfie mit einem der Statisten machen durfte – unglaublich freundlich.
Nachdem die Prozession an mir vorbeigezogen war, folgte ich ihr einfach weiter. Eine Entscheidung, die sich lohnte: So konnte ich auch die anschließenden Rituale zu Ehren der tragbaren Schreine miterleben. Besonders schön war ein Moment, in dem ich sogar ein Selfie mit einem der Statisten machen durfte – unglaublich freundlich.
Später, als sich alles langsam für den Rückweg vorbereitete, gönnte ich mir endlich etwas zu essen und zu trinken an den aufgebauten Imbissständen. Diesmal wollte ich nicht wieder hungrig durch leere Straßen ziehen. Da ich ohnehin noch vor Ort war, spazierte ich erneut durch einen Teil der Tempelanlagen – und merkte, wie viel ich am Vortag eigentlich verpasst hatte. Der Abstecher lohnte sich: Ich entdeckte weitere Stempelstellen für mein Pilgerbuch. Zum Abschluss wollte ich noch die berühmte Brücke sehen und einmal hinübergehen. Schön ist sie, keine Frage – aber ehrlich gesagt: Das Eintrittsgeld war es mir dann doch nicht wert, nur einmal hin und her zu laufen.
Der Nikkō Tōshō-gū ist einer der bedeutendsten Schreine Japans und gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe. Er wurde im 17. Jahrhundert zu Ehren von Tokugawa Ieyasu, dem Gründer des Tokugawa-Shogunats, errichtet. Der Schrein ist bekannt für seine aufwendig verzierten Gebäude, farbenprächtigen Schnitzereien und goldenen Details. Besonders berühmt sind die „drei weisen Affen“ und das schlafende Katzenmotiv. Der Tōshō-gū vereint Shintō-Glauben, Geschichte und kunstvolle Handwerkskunst an einem Ort.
Der Rin’nō-ji ist einer der wichtigsten buddhistischen Tempel in Nikko und wurde im Jahr 766 gegründet. Er spielte eine zentrale Rolle in der religiösen Entwicklung der Region. Der Tempel ist vor allem für die Sanbutsudō-Halle bekannt, in der drei große vergoldete Buddha-Statuen stehen. Der Rin’nō-ji bildet zusammen mit dem Tōshō-gū und dem Futarasan-Schrein das spirituelle Herz von Nikko und verbindet buddhistische Tradition mit ruhiger Atmosphäre.
Gleich nach meiner Ankunft in Nikko fiel mir ein schlichtes Schild auf: Ein Wasserfall – 2 Kilometer. Ohne groß nachzudenken machte ich mich früh am Morgen auf den Weg. Eine dieser spontanen Entscheidungen, die sich als einer der schönsten Momente der Reise herausstellten.
Schon unterwegs begegneten mir immer wieder alte Buddha-Statuen. Ich weiß nicht, wie alt sie sind, doch viele von ihnen waren so stark verwittert, dass ihnen die Köpfe fehlten. Gerade das machte sie für mich besonders eindrucksvoll. Still standen sie am Wegesrand – Spuren einer anderen Zeit.
Nach etwa zwei Kilometern erreichte ich einen größeren Platz, vermutlich einen Parkplatz. Doch er war vollkommen leer. Diese Ruhe empfand ich als unglaublich angenehm. Nur ein paar Schritte weiter folgte mein erster echter Wow-Moment: Der Wasserfall, umgeben von Wald, daneben ein kleiner Schrein. In diesem Augenblick dachte ich, es fehlten eigentlich nur noch die Kami, die zwischen den Bäumen fliegen. Ein stiller, fast magischer Ort. Der Weg hatte sich mehr als gelohnt.
Auf dem Rückweg begegnete mir nicht ein einziger Spaziergänger. Allein unterwegs zu sein, mitten in der Natur, ich habe diesen Moment sehr genossen.
Zurück in der Stadt machte ich mich erneut auf den Weg zur Tempelanlage. Ich wollte unbedingt die restlichen Stempel für mein Pilgerbuch sammeln. Dabei nutzte ich die Gelegenheit, ein Museum und einen traditionellen japanischen Garten zu besuchen. Beides lohnte sich sehr. Im Garten hatte ich eine besondere Begegnung mit einem kleinen Vogel
Außerdem konnte man dort die Koi füttern – ein wunderschöner Anblick. So gerne hätte ich selbst welche im Garten, auch wenn ich weiß, wie anspruchsvoll ihre Pflege ist. Informieren kostet zum Glück nichts.
Unterwegs erinnerte ich mich an ein größeres Gebäude, das mir zuvor aufgefallen war. Erst vor Ort wurde mir klar: Es handelte sich um den ehemaligen Kaiserpalast. Die Tamozawa Imperial Villa diente einst als Rückzugsort für Mitglieder der japanischen Kaiserfamilie. Der weitläufige Komplex verbindet traditionelle Architektur mit eleganten Innenräumen und einem sorgfältig gestalteten Garten. Der angrenzende Park lädt zu ruhigen Spaziergängen ein und bietet Einblicke in das höfische Leben vergangener Zeiten. Hier treffen Geschichte, Natur und Stille aufeinander.
Ich trat ein und konnte meinen Rucksack abgeben – ein angenehmer Moment. Nur mit der Kamera in der Hand erkundete ich das gesamte Anwesen. Die Räume, die Architektur, die Atmosphäre: alles wirkte ruhig und elegant. Anschließend besichtigte ich auch den Garten. Besonders schön war, dass das Fotografieren sowohl im Gebäude als auch im Außenbereich erlaubt war. Ein Ort zum Innehalten – und ein weiterer Tag, der mir lange in Erinnerung bleiben wird.
Die Shinkyō-Brücke gilt als eine der schönsten und bekanntesten Brücken Japans. Sie markiert symbolisch den Eingang zum heiligen Bereich von Nikko. Ursprünglich war sie ausschließlich Geistlichen und Gesandten vorbehalten. Die leuchtend rote Brücke überspannt den Daiya-Fluss und verbindet Natur, Mythos und Geschichte. Heute ist sie eines der Wahrzeichen der Stadt und ein beliebtes Fotomotiv.
